Hund entlaufen: was du jetzt tun kannst
Wenn du das gerade im Stehen liest, weil dein Hund weg ist: Die drei wichtigsten Regeln stehen direkt hier drunter. Alles andere kommt danach.
Zuerst, und das ist das Wichtigste
- Nicht hinterherrennen.
- Nicht rufen.
- Nicht jagen.
Jede Verfolgung macht ihn schneller und treibt ihn weiter weg. Ein Hund in Panik erkennt dich nicht mehr als Sicherheit, sondern nimmt dich als Teil dessen wahr, wovor er flieht. Das fühlt sich falsch an. Es ist trotzdem richtig.
Die ersten Schritte
- Merk dir den Punkt, an dem du ihn zuletzt gesehen hast. Genau dorthin legst du ein getragenes Kleidungsstück von dir, seine Decke und Wasser. Entlaufene Hunde kehren oft an diesen Punkt zurück, meist in der Dämmerung, und nur dann, wenn dort nicht fünf Menschen aufgeregt auf sie warten.
- Melde ihn beim Haustierregister als vermisst. Also bei TASSO oder dort, wo dein Hund registriert ist. Danach informierst du das örtliche Tierheim, die Gemeinde und die Polizei.
- Poste in den lokalen Gruppen für vermisste Tiere. Mit Foto und einer Anweisung in Großbuchstaben: NICHT jagen, NICHT rufen, NICHT anlocken. Nur Sichtungen mit Ort und Uhrzeit melden.
- Sammle die Sichtungen auf einer Karte. Scheue Hunde bleiben oft tagelang in einem überschaubaren Gebiet. Ein Muster auf der Karte ist mehr wert als zwanzig Menschen, die planlos suchen.
- Wenn er sich nicht sichern lässt: Futterstelle einrichten. Und über das Tierheim oder einen Tierschutzverein eine Lebendfalle organisieren. Bei sehr scheuen Hunden ist das nicht die letzte Maßnahme, sondern der Standard.
- In der Nähe des Zuhauses entlaufen? Dann halte den Zugang zu Grundstück und Haus jederzeit frei, damit er heimkommen kann, wenn er den Weg von selbst findet.
Die Notfallkarte zum Ausdrucken
Eine Seite, zwei Hälften. Oben trägst du heute deine Nummern ein, solange nichts passiert ist. Unten stehen die Schritte von dieser Seite, damit du sie im Ernstfall nicht suchen musst. Kostenlos, keine E-Mail nötig, gern weitergeben.
Notfallkarte herunterladen (PDF)Vorbereiten, solange nichts passiert ist
Der größte Teil dieser Liste dauert zwanzig Minuten und ist danach für Jahre erledigt.
- Aktuelle Fotos. Einmal der ganze Hund von der Seite, einmal das Gesicht, bei Tageslicht. Auf dem Handy und ausgedruckt.
- Chip-Nummer notieren und registrieren. Bei einem Haustierregister wie TASSO, mit aktuellen Kontaktdaten. Nur so kann man dich erreichen, wenn dein Hund gefunden wird. Ein Chip allein genügt nicht, er muss registriert sein.
- Telefonnummern einspeichern. Haustierregister-Notruf, örtliches Tierheim, Gemeinde und Polizei, und falls bekannt der ansässige Jagdpächter.
- Die lokalen Facebook-Gruppen für vermisste Tiere heraussuchen und notieren. Im Ernstfall willst du nicht erst suchen, wo du suchen sollst.
- Sicherung und Karabiner regelmäßig prüfen, GPS-Tracker geladen halten.
Warum ängstliche Tierschutzhunde besonders gefährdet sind
Ein erschrockener Hund wirft sich nach hinten, und aus einem gewöhnlichen Geschirr ist er in einer Sekunde heraus. Aus einem Halsband auch. Dass er das kann, glaubt man erst, wenn man es einmal gesehen hat, und dann ist es zu spät.
Ein zuschlagender Kofferraum, ein hupendes Auto, ein schreiendes Kind. Mehr braucht es nicht.
Deshalb gehört bei ängstlichen Hunden ein Sicherheitsgeschirr dazu, auch Panikgeschirr genannt. Es hat einen dritten Gurt hinter dem Rippenbogen, an der schmalsten Stelle des Rumpfes. Aus dieser Konstruktion kommt ein Hund auch rückwärts nicht heraus.
Dazu die doppelte Befestigung: eine Leine mit zwei Karabinern oder zwei Leinen, befestigt am Sicherheitsgeschirr und zusätzlich an einem gut sitzenden Halsband. Versagt eine Verbindung, hält die andere.
Und falls du denkst, dein Hund sei dafür zu ruhig: Die Doppelsicherung ist nicht für den Hund gedacht, den du jeden Tag im Normalmodus siehst. Sie ist für die eine Sekunde, in der ein Böller explodiert.
Ein verbreiteter Irrtum: der AirTag
Ein AirTag ans Geschirr, als günstiger Ersatz für einen GPS-Tracker. Das Problem: Ein AirTag hat gar kein GPS.
Er funkt per Bluetooth und wird nur geortet, wenn zufällig ein fremdes iPhone in Bluetooth-Reichweite vorbeikommt. In der Fußgängerzone funktioniert das gut. Ein entlaufener Angsthund liegt aber nicht in der Fußgängerzone, sondern versteckt sich weit weg von Menschen, wo stundenlang kein iPhone vorbeiläuft. Genau dann, wenn du ihn am dringendsten brauchst, schweigt der AirTag.
Dazu kommt: Nach etwa drei Tagen Trennung vom Besitzer gibt ein AirTag beim Bewegen Töne von sich, als Schutz vor heimlicher Verfolgung. Abschalten lässt sich das nicht. Für einen geräuschempfindlichen Hund im Versteck ist das denkbar schlecht, und es trifft genau die Suchen, die lange dauern.
Ein echter GPS-Tracker für Hunde hat ein eigenes GPS-Modul und eine SIM-Karte, meldet seine Position selbst über das Mobilfunknetz und zeigt dir live, wohin sich dein Hund bewegt. Er kostet ein Abo. Im Ernstfall ist das der Unterschied zwischen einer Suchrichtung und einem Ratespiel.
Diese Seite und die Notfallkarte stammen aus meinem E-Book „Angsthund aus dem Tierschutz“. Beides darfst du frei weitergeben, ausdrucken und in Gruppen teilen, auch ohne das Buch. Ich bin Ben Knebel, arbeite im Tierheim und begleite als Hundetrainer Menschen nach der Adoption ihres Tierschutzhundes.